Die „Deutsch-Polnische Gesellschaft Göttingen e.V.”


Logo DPGIm Februar 1978 beschloß der Rat der Stadt Göttingen, partnerschaftliche Kontakte mit einer Stadt in der VR Polen aufzunehmen. Die frühe Einsicht, daß eine Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der VR Polen auf kommunaler Ebene einsetzen müsse, und engagierte Verhandlungen führten am 28.11.1978 zur Unterzeichnung der „Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit der Stadt Göttingen in der Bundesrepublik Deutschland und der Stadt Torun in der Volksrepublik Polen”. Vor diesem mit Mühen durchgesetzten Ergebnis der Städtepartnerschaft lagen vielfältige freie und städtische Aktivitäten wie Ausstellungen und ‚Polnische Gespräche’ in Göttingen, in denen kulturelle, politische, wirtschaftliche Themen referiert und diskutiert wurden. Es folgten ‚Polnische Kulturtage’ mit kulturellen Veranstaltungen mancher Art, an denen sich im Rahmen eines Arbeitskreises ‚Kulturstadt Göttingen’ alle Kultureinrichtungen der Stadt beteiligten.

Es ging von nun an darum, das Vertragswerk mit Leben zu erfüllen. Diese Aufgabe stellte sich nicht mehr nur dem Rat und der Verwaltung der Stadt Göttingen sowie den Kulturinstitutionen und einzelnen Gruppen, sie war ein Appell an alle Bürger der Stadt.

So kam es am 28.2.1979 zur Gründung der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen e.V.”, der ersten dieser Art in Niedersachsen. Die Gesellschaft will, satzungsgemäß, der Verständigung zwischen den Völkern der VR Polen und der Bundesrepublik Deutschland sowie der Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen dienen. Mit allen Unternehmungen soll beigetragen werden zur Normalisierung des Verhältnisses zwischen den beiden Staaten, soll erreicht werden, daß Deutsche und Polen mehr voneinander erfahren, daß sie Fremdheit überwinden und über intensivierte Kenntnisse zu einer Zusammenarbeit im europäischen Rahmen gelangen. Diese Zielsetzung braucht auf beiden Seiten aufgeklärte Menschen, die einander kundig und unbefangen begegnen. Dafür wurde ein entsprechender Informations- und Veranstaltungskatalog von Vorträgen, Ausstellungen, Kulturveranstaltungen etc. selbst angeboten oder in der Zusammenarbeit mit Bildungs-, sozialen und anderen Einrichtungen vermittelt.

Angesichts der zugespitzten politischen und wirtschaftlichen Situation in Polen, der Ausrufung des Kriegsrechtes im Dezember 1981, sind Hilfsgütertransporte von Göttingen nach Thorn organisiert und durchgeführt worden. Mangelnde Lebensmittel und Gebrauchsgüter sind über die Kirchen an die Thorner Bevölkerung verteilt worden, viele Lernmittel für Kinder und Jugendliche gingen an die Schulen, die Musikschule, Bücher für das Deutsche Seminar an die Universität und Lieferungen z.B. von Medikamenten und medizinischem Gerät an die Krankenhäuser. Für weit über 10 große Transporte sind die Mittel in Göttingen gesammelt, gespendet oder z.B. durch Benefizveranstaltungen zusammengebracht worden. Die intensiven Spendenaktionen, die zur Linderung ärgster Not unverzichtbar waren, konnten auf lange Sicht keine Lösung aller Probleme bewirken. Sie sollten aber als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden und weitergeführt werden. Darum wird bis heute zur „Hilfe für Thorn” aufgerufen und jeder Bürger zugleich ermuntert, seine Kontakte nach Thorn und in andere Orte Polens nicht zu vernachlässigen. Eindrucksvoll war die Einsatzbereitschaft der Göttinger für die Opfer des Weichsel- und Oderhochwassers.

Zwei bedeutende neue Akzente erhielt die Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Göttingen ab 1983:

Wir sahen eine Aufgabe in der Förderung junger polnischer Studenten, in ihrem 4. Studienjahr, in der Vorbereitungsphase ihres Magisterexamens das Leben in Deutschland und das Arbeiten an der hiesigen Universität, aus eigener Anschauung kennenzulernen. Seither sind über 30 junge GermanistInnen mit einem Stipendium gefördert worden und haben jeweils in einem Sommersemester die Lehrveranstaltungen, Seminare, Bibliotheken, die Mensa, den Kontakt mit den deutschen und anderen ausländischen KommilitonInnen wahrgenommen. Zur Zeit entsteht in Thorn eine Magisterarbeit über die Deutsch-Polnische Gesellschaft Göttingen e.V., die darüber detailliert Auskunft geben wird und gedruckt werden soll.

Der zweite hervorzuhebende Akzent von 1983 ist der Beginn unserer Reihe von Studien- und Informationsreisen nach Nord-, Ost- und Süd- und Westpolen. Die Mitbürger sollten Gelegenheit bekommen, das Land jenseits von Oder und Neiße und seine Menschen selbst und nicht nur über Berichte kennenzulernen. Über 1000 Menschen haben bisher das Angebot genutzt, auch ihre „alte Heimat” wiederzusehen, die sie 1945 verlassen mußten, und mit den dortigen Bewohnern Kontakte aufzunehmen oder zu vertiefen. Daraus sind mehrere freundschaftliche Verbindungen entstanden.

Thorn ist dabei nicht vergessen worden. 5 Bürgerreisen führten direkt in unsere schöne Partnerstadt an der Weichsel. Auch dorthin bestehen seither viele persönliche Beziehungen und gepflegte Freundschaften.

Zu Thorn und den Vertretern der Stadt, der Universität, der Kirchen, Schulen und des Theaters unterhält die Gesellschaft vielfältige Kontakte. Für mehrere Göttinger Gruppen und Verbände konnte sie immer wieder vermittelnd tätig sein. So auch bei der Begegnung der evangelischen und katholischen Christen und ihrer Repräsentanten in Göttingen und Thorn.

Direkte Partner der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen sind die kürzlich wiederbegründete „Polnisch-Deutsche Gesellschaft” in Thorn und seit vielen Jahren die Thorner Kulturvereinigung TTK. Mit dieser zusammen ist 1991 anläßlich seines 50. Todestages eine zweisprachige Gedenktafel für den Göttinger Nobelpreisträger Prof. Dr. Walther Nernst (1864-1941) an seinem Geburtshaus in Briesen/Wabrzezno angebracht worden. Zu Ehren des Thorner Philosophen Roman Ingarden, der von 1912-1916, zur gleichen Zeit wie Edith Stein, in Göttingen studierte, initiierte die Gesellschaft die Gedenktafel an seinem Wohnhaus Herzberger Landstraße 17.

Seit 1984 besteht die Chance, im Sommer in den Sprachkursen der Krakauer Universität die polnische Sprache zu erlernen. Bislang konnten von Göttingen aus über 400 Teilnehmer vermittelt werden. 2004 findet der 17. Kurs statt.

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Göttingen hat stets auch Verbindung zu gleichgesinnten Gesellschaften gesucht. Sie schloß sich nach ihrer Gründung alsbald der kommunikativen Arbeitsgemeinschaft der norddeutschen Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Bad Segeberg an. 1987 wurde sie Mitgründerin der daraus entwickelten Gesellschaft, die das heute im 17. Jahrgang und inzwischen zweisprachig erscheinende deutsch-polnische Magazin DIALOG herausgibt, und war lange im Vorstand der daraus hervorgegangenen „Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e.V.” (eMail), Berlin, vertreten, der heute über 50 Gesellschaften angehören.

Am 23.4.1992 hat unsere Gesellschaft mit den damals in unserem Bundesland tätigen Gesellschaften den eingetragenen Verein „Deutsch-Polnische Gesellschaften in Niedersachsen” gegründet, wo sie bis vor kurzem im Vorstand vertreten war. Seit Mitte 2003 ist die Gesellschaft korporatives Gründungsmitglied des „Göttinger Partnerschaftsvereins, Verein zur Förderung der Städtepartnerschaften der Stadt Göttingen e.V.”.

Die „Deutsch-Polnische Gesellschaft Göttingen e.V.” hat zur Zeit etwa 200 Mitglieder aller Alters- und Berufsgruppen. Sie arbeitet völlig unabhängig, wird nicht durch öffentliche Mittel subventioniert. Alle Unternehmungen werden nur aus den Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. Da die Gesellschaft als gemeinnützig anerkannt ist, können zur Vorlage beim Finanzamt Spendenquittungen ausgestellt werden.

Die Arbeit der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft Göttingen e.V.” erfuhr anläßlich der Feier ihres 25jährigen Bestehens am 28.2.2004 höchste Anerkennung sowohl von Seiten der Stadt Göttingen und der Landesregierung Niedersachsen als auch, mit Dank, vom Botschafter der Republik Polen für die Vielfalt der Aktivitäten, die von 1979 bis 2004 im Wechsel der Zeitumstände unerschrocken und uneigennützig für die Annäherung zwischen deutschen und polnischen Menschen erbracht wurden.

NB, 4.7.2004

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