Mit tiefer Trauer nehmen wir Abschied von Rita Süssmuth.
Mit ihr verlieren wir eine große Persönlichkeit der Bundesrepublik: ehemalige Bundestagspräsidentin und Bundesministerin, eine Demokratin und Europäerin mit Haltung, Klarheit und einer unverwechselbaren Stimme. Sie gehörte zu denen, die nicht nur begleiten, sondern gestalten wollten – aufmerksam, wach, argumentationsstark und bereit, auch anzuecken, wenn sie überzeugt war, dass ein Thema endlich nach vorn muss oder politische Entwicklungen eine falsche Richtung nahmen.
Für die Deutsch-Polnische Gesellschaft Göttingen war sie über ihre Zeit als Göttinger Wahlkreisabgeordnete hinaus über Jahrzehnte eine treue Wegbegleiterin und Unterstützerin ihres zivilgesellschaftlichen Wirkens. Seit den 1990er Jahren wirkte sie als Mitglied unseres Beirates mit – zuverlässig, zugewandt und ansprechbar. Sie hat die deutsch-polnischen Beziehungen als Schlüssel für Europas Zukunft verstanden und dieses Verständnis in zahllosen Gesprächen, Begegnungen und Impulsen weitergegeben. Wer sie erlebte, spürte: Hier spricht jemand, der nicht bei Symbolen stehenbleibt, sondern nach Tragfähigkeit fragt – nach Vertrauen, nach Verlässlichkeit, nach dem, was Beziehungen auch dann trägt, wenn es politisch knirscht.
Gerade nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag setzte sie sich vielfältig und beharrlich für eine Vertiefung der deutsch-polnischen Beziehungen ein. Ihr Anliegen war, dass die Partnerschaft der Gesellschaften nicht von Irritationen und Spannungen auf Regierungsebene abhängig bleibt, sondern in Austausch, Begegnung und gegenseitigem Respekt weiterwächst. Sie wollte, dass aus der gemeinsamen Verantwortung und aus der gemeinsamen europäischen Perspektive konkrete Zusammenarbeit entsteht – geduldig, realistisch und zugleich voller Zuversicht, dass Verständigung möglich ist, wenn man sie ernsthaft betreibt.
Unvergessen bleibt ihr Vortrag beim Festakt zum 40-jährigen Bestehen unserer Gesellschaft im Februar 2019. Mit großer Präsenz und intellektueller Schärfe warb sie öffentlich für vertiefte deutsch-polnische Beziehungen und machte deutlich, dass diese Partnerschaft nicht „nebenbei“ entsteht, sondern immer wieder erneuert werden muss – durch Aufmerksamkeit, durch politische und kulturelle Neugier, durch Mut zur offenen Aussprache und durch den festen Willen, Europa zusammenzuhalten.
Zu diesem Willen gehörte für sie stets auch das Erinnern. Rita Süssmuth hat sich zuletzt besonders dafür eingesetzt, dass die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in Deutschland einen sichtbaren, würdigen Ort des Gedenkens erhalten. Ihr Engagement stand dabei nicht für einen rückwärtsgewandten Blick, sondern für eine Zukunft, die aus der Geschichte Konsequenzen zieht: Respekt vor dem Leid, Verantwortung im Handeln und ein Europa, das aus der Erinnerung heraus Frieden und Partnerschaft stärkt.
Wir verneigen uns in Dankbarkeit vor ihrem Lebenswerk und vor ihrer Verbundenheit mit unserer Arbeit. Unsere Gedanken sind bei ihrer Familie und allen, die ihr nahe standen. Rita Süssmuth wird uns fehlen – als kluge, streitbare Stimme, als Brückenbauerin, als Europäerin. Wir werden ihr ein ehrendes Andenken bewahren und ihr Vermächtnis als Auftrag verstehen: die deutsch-polnische Freundschaft zu pflegen, Verständigung zu ermöglichen und die Vereinigung Europas voranzutreiben.



